Zitat des Moments

"Heiter machen heißt: Von Natur aus ist Arzt, wer andere erheitern kann" - Demokrit

arztbesuch

[...] was ist sonst noch zu sagen, heut?
Ach, ja, wache auf mit enormen Kopfschmerzen an üblicher Stelle (sonst maximal ein, zweimal im Monat) aber in unüblicher Intensität. Will weder aufstehen noch schlafen, aber liegen. Mir ist elendig zumute, nehme rasch 1 Gramm meiner üblichen Kopfschmerzmedikation, bin wie gerädert, aber kein Alkoholkonsum am Vorabend. Nach und nach wird mir immer übler. Was ist los? Traumartig fantasiere ich neben Durchrattern möglicher Ursachen der Kombination ungewöhnlich starke Kopfschmerzen und Übelkeit, wie ich in die CT-Röhre geschoben werde, der Radiologe agiert ungewöhnlich. Spielt er Space Invaders auf seinem Bildschirm? Okay, jetzt muss ich laufen, kotzen. Der Weg zur Toilette geht sich nicht aus, also auf den Fußboden. Während dem Kotzen denke ich, dass Fliesen ganz gut geeignet sind, um darauf zu erbrechen und es danach aufzuwischen.

Ratter, ratter, ratter. Gehirnblutung mit supratentorieller Raumforderung und konsekutiver Hirndrucksteigerung – aber, Unsinn, da hat man doch nicht typischerweise Schmerzen? – achja, Subarachnoidalblutung. Hab ich Meningismus? Naja, vorhin, als ich auf dem Sofa lag, war das Licht schon sehr unangenehm. Photophobie. Könnte aber auch Migräne sein, nicht gleich das Schlimmste denken. Kann man die Nackensteifigkeit an sich selber überprüfen? Nein, Fieberthermometer hab ich auch keines da. Ich liege am Sofa, aber eigentlich im Krankenbett. Gespräch mit den Angehörigen vor der geplanten Hirnoperation. Was soll ich sagen, danke, lieb euch, bis nachher hoffentlich.

Nein Blödsinn, Schluss jetzt mit den Fantasien. Ich weiß, es ist wohl nichts. Aber: Kopfschmerz wie noch nie kombiniert mit Erbrechen und Photophobie – das reicht einem Mann, der sonst reichlich Probleme hätte, sich an das letzte mal Fieber, Durchfall oder gar Schnupfen zu erinnern. Rat einholen.. Wohin? Ich geh vielleicht doch nicht, will nicht einer derjenigen sein, “die wegen Nichts kommen”, aber ich vertrau mal auf das Alarmierende, wo auch immer es herkommt. Kein Hypochonder sonst, weit entfernt davon. Notfallambulanz ist trotzdem ausgeschlossen, es wäre mir peinlich. Also ein Ausflug zu einer Allgemeinmedizin-Ordination, die ich relativ instinktiv und schnell (mir geht es wirklich schlecht) aus einer Liste von Ärztinnen in meinem Bezirk wählen möchte. Homöopathie? Klick auf das rote X. Akupunktur? Klick auf rote X. Was dem ein oder anderen gefallen mag, schreckt den gemeinen Medizinstudenten eher ab. Ich hab bald eine Wahl getroffen, die Adresse im Kopf.

In der Straßenbahn fühl ich mich wie der wandelnde Tod, bleich. Ich meine die Leute bemerken zu sehen. Noch ein bisschen gehen, der Wind irritiert mich, die Schmerzen werden stärker. Gang zur Rezeption. Beim Vorbeigehen sehe ich in einen Raum hinein, in dem ein türkisch aussehender Mann an einer Infusion hängt, immobilisiert von dem Verum, dass in seine Lebensäste geträufelt wird. Grüß Gott. Ebenso. Karte, bitte. Schon gezückt. Das erste Mal hier. Versicherungsfragen klären, wer ist wo wie angestellt. Ist mir egal. Der Ärztin schließlich auch, ich bin vermutlich auch gar zu unkooperativ gerade.

Was gibt’s? Zuvorerwähntes, halt. Sie macht sich an’s Werk. Blutdruck ist okay, kein Fieber, kein Meningismus. Das Erbrechen ganz sicher wegen ASS auf nüchternen Magen (Ich Idiot! Natürlich!), nächstes Mal bei Kopfschmerzen besser Metamizol nehmen. Aber klar, ist schon ungewöhnlich, vom Schmerz geweckt zu werden. Migräne oder Medikamentenunverträglichkeiten bekannt? Nein. Viel Stress gehabt in letzter Zeit? Nein, kein Stress. Angebot einer Paracetamol-Infusion. Nein, der Schmerz ist erträglich, vor allem gepaart mit dem Wissen seiner Unbedenklichkeit. Was machen wir jetzt? Am besten nichts, sag ich und verabschiede mich dankend. Vielleicht schlafen, schlägt sie vor. Ja, vielleicht schlafen.


72 zentimeter tischhöhe

ich mag Strandspaziergänge, Federball und Black Sabbath
hier in diesem Schädel-Hirn-Traum

da ist er schon, der Stimulatino der Nebenschildkröte
mir ist er parasympathisch, aber sein VATER ist okay

diabolic blood pressure ist zu hoch
infernal carotid artillery entzündet mich

im fernsehen laufen stressful LIVE events
alle sind hautnaht dabei


Textile Irritation

Konzentriert starrt er auf das Blatt. In seiner rechten Hand ein schwarzer Gelschreiber, den er fest umklammert, als ob eine zu lockere Verbindung die Flucht von Ideen aus seinem Kopf über seine Finger in die Atmosphäre, zu Anderen, gewährleisten könnte. Er hatte bereits öfter Probleme mit dieser Vorstellung: dass Andere seine Ideen aufschnappen und wegnehmen, für sich beanspruchen – Weltruhm erlangen mit einer Idee, die eigentlich seine war. Irritiert wirft er den Stift auf den Tisch und erhebt sich von seinem Bürosessel.

„Ich bin es, der sie retten muss“, denkt er. Noch trägt das Brainstorming keine Frucht. Plötzlich sitzt sein Anzug unangenehm, er spürt das Hemd an Stellen, die sonst unbemerkt bleiben, die Krawatte scheint ihn zu erdrosseln, Tag für Tag ein wenig seiner Lebensluft raubend. Noch ist er allein in dem Zimmer, doch schon bald werden sie kommen. Kommen und prüfen, was er geleistet hat. Kommen und seine Ideen nehmen.

Ein paar Turnübungen: Kniebeugen und Hampelmänner macht er, um seinen Kreislauf anzuregen, Ideenfluss von außen zu seinem Kopf. Dann erinnert es ihn an den Turnunterricht der Schulzeit, er hört sogleich auf. Ein Blick aus dem Fenster vermag ihn kaum zu inspirieren, was er sieht ist trostlos: ein Obdachloser kämpft mit einem scheinbar imaginären Feind, volltrunken und schäbig gekleidet. In seinem verzerrten Weltbild denkt der Beobachter, dass es ihm bald genauso gehen könnte, wenn die zündende Idee nicht bald kommt. Er geht herum. Nach zwei Runden im fast quadratischen Raum setzt er sich wieder.

Er fängt an, einen Kreis zu zeichnen – die Basis seines vermeintlichen Konzepts. Er schreibt sogar Konzept darüber und umkreist das Wort. Schon zwei Kreise. Wieder drückt sein Anzug, und wieder drückt das Hemd, die Krawatte, die Hose nun auch, na großartig. Er nimmt die Krawatte ab, das fühlt sich besser an, viel besser. Da muss er an Energieblockaden denken, auf die seine Kinesiologin hingewiesen hatte. Er zieht das Sakko aus, viel besser, Energiefluss regeneriert, fast. Er wirft das Sakko und alles, wofür es steht, auf den Boden. Auch die Hose ist unangenehm, auch die Hose muss gehen. Das Hemd – er braucht es nicht – die Raumtemperatur reicht aus – wie oft hat er während Meetings geschwitzt. Für Ideenfluss werden keine Kleider benötigt, sie stören.

Nun hat er sich bis auf seine Socken ausgezogen. Als er entdeckt, wie eng seine schwachen Füße von diesen schwarzen, klebrigen Textilhäuten umfasst werden, reißt er auch die Socken von sich und wirft sie auf den Haufen, der vor ihm liegt. Nun also arbeiten, ungebremst und uneingeschränkt, grenzenlos, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter (Buzz Lightyear). Tatsächlich gelingt die Arbeit, er entwickelt ein Konzept, schießt einen bullet point nach dem Anderen aus seiner Ideenpistole, schreibt und zeichnet, kreiert, implementiert. Er sitzt einige Minuten, bevor die unangenehme Empfindung seines blanken Gesäßes auf dem Lederstuhl ihn irritiert, ganz fürchterlich irritiert. Nun bereits geübt in der Lösung dieser Art von Problemen erhebt er sich vom Bürostuhl und schmeißt ihn um, auf den Haufen mit dem anderen Zeug.

Er nimmt seine Notizen und schreibt, mit der Wand als Unterlage, weiter. Als er einsehen muss, dass auch das Papier ihn limitiert, muss es gehen. Er schreibt auf der Wand weiter, entwickelt grandiose Ideen – gar bahnbrechende Konzepte über humanworkflowknowledgetransferstreamlinedefficiencycorporatediversity. Einige Stunden vergehen in einem fast maniformen Zustand, bis alle Wände des Raumes beschrieben sind. Ein Klingeln reißt ihn aus seiner Trance – wie ein Wilder sieht er umher, die Störquelle schließlich in seinem Stachelberry-Telefon ortend. Er nimmt es und deaktiviert den Alarm, ohne die assoziierte Meldung „Meeting-Beginn in 10 Minuten“ zu lesen. Nach 10 Minuten inspirierten Schreibens erscheinen seine Kollegen und Vorgesetzten und erleben einen, gelinde gesagt, ungewöhnlichen Anblick.


aphorismen:kommunikation

Kann man wirklich darüber sprechen, oder kann man nur darüber sprechen, dass man darüber sprechen könne?

Um Andere ausreden zu lassen, muss man selbst schweigen.

Nur wer gut zuhört, kann erkennen, ob ein Anderer gut zuhört.

Im Nachhall der Worte liegt manch Wahrheit.

„Es wird sich schon ergeben“ ist irreführend und falsch – ohne Handlung währt Chaos.

Eloquenz bedeutet im Grunde: hübsch ausformuliertes Nichtwissen.

Nenn einen Menschen ruhig einen Freund – wer soll sich darüber schon beschweren?

„Du machst mich fertig!“ – „Du bist schon fertig.“


Tag der Schwerkraft

Heute macht sich jene Urkraft der Physik besonders wichtig, tut sich hervor und schreit: „Hier bin ich, schon vergessen?!“

Alles scheint gen Boden zu fallen, Gläser zerbersten, Vasen wählen den Freitod, Brillen stürzen ab, Kugelschreiber gründen auf dem Boden revolutionäre Kolonien, Guerilla-Armeen. Alles fällt runter – wer kennt diese Tage nicht?

Also schlage ich vor, einen internationalen Tag der Schwerkraft einzuführen, auf dass wir der Gravitation huldigen und ihr gedenken – verdanken wir ihr schließlich so viel.

Das könnte so aussehen, dass wir alle auf dem Boden liegen und nichts tun, die Dinge um uns herum einfach – ganz wie ihnen beliebt! – auf den Boden fallen lassen. So bliebe zu hoffen, dass sich die Schwerkraft an diesem einen Tag reichlich austoben kann, um uns die restlichen 364 Tage in Ruhe zu lassen – im Hintergrund alles im Innersten zusammenhaltend.


meditationen#04/gesichter

hoffnungsvoll. empört. angeekelt. verwirrt.

sie laufen ihren unternehmungen nach, ihren einkäufen, zusammenkünften, umtäuschen, bestrebungen. wir sind aus einem anderen grund hier. alles strömt rasch vorbei, wir gehen langsam. sehr langsam.

antlitz um antlitz eröffnen sich uns gebäude und welten, mit nur einem einzigen blick lassen wir uns in rascher abfolge auf die existenzen der anderen ein. nehmen teil an einem stück zeitgeschichte.

neutral. zielstrebig. erschöpft. erheitert. gezeichnet.

gezeichnet vom moment, von vorhaben und plänen – wieso passte das tolle kleid nicht? wieso komme ich schon wieder zu spät? werde ich meine arbeit verlieren? dieses arschloch!

einkaufsstraßen eignen sich hierfür bestens, denn hier strömt menschheit wie ein wütender fluß, menschen wie wilde fische. welch mengen!

müde. eilig. enttäuscht? würdevoll. manieristisch. gelangweilt.

zu jedem fällt uns ein wort ein, aber nur eins. bilder und szenen, ja. aber nur ein wort, das die beschaffenheit und den ausdruck dieser person umschreibt. den eindruck, den sie in uns hinterlässt.

gestresst. verliebt. aufgeregt. nachdenklich. neugierig. belustigt.


meditationen#03/anblick

bleib doch stehen!
„aber ich muss doch-“
ja ja, schon klar. bleib trotzdem stehen.
„ok.“

die kaskade aus eindrücken zeichnet ein bewegtes bild – der rahmen gegeben durch seine augenbrauen, nase, augenränder. es ist nichts besonderes, das stimmt schon. man möge meinen, der tag setzt sich aus tausenden solcher bilder zusammen – wozu das ein oder andere gesondert hervorheben?!

bleib doch stehen. nein, noch besser – setz dich doch.
„ja ja (seufzt), ich muss sowieso zehn minuten auf meine bahn warten“ perfekt. schau.

der rahmen ist gegeben durch ihre augenbrauen, nase, augenränder – wo die krähen lächeln. „schau.“

scharf zeichnen sich die konturen. klar die bewegungen, begegnungen, distanz. verklärte blicke und stolzierende knirpse. der rahmen ändert sich vorerst nicht, ist fix eingestellt.

faust wollte bei einem anblick verweilen, ließ sich dafür knechten.

Und Schlag auf Schlag! Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

wir verweilen vorerst bei diesem hier, denn auch dieser ist perfekt. gerade dieser.

„langweilig! kitschig!“ schon recht. abgestumpft? unaufmerksam? hast du nicht gesehen, wie unser freund der sonne da rechts im rahmen die pizzaschnitte fallen ließ? ein dynamisches kunstwerk, jederzeit auf ein neues produzierbar. ein kleinkind hält die hand seiner mutter, geht selbst aber rückwärts, grimassiert den dahinter gehenden leuten. die einen lachen über den originellen einfall, die anderen bemerken nicht – sehen darüber hinweg. ein anderer junge richtet sich immerzu seine jeansjacke zurecht, er scheint sehr stolz darauf zu sein. sie gehörte wahrscheinlich seinem bruder, ist ein bisschen zu groß. eine ältere dame begegnet einer freundin, sie lachen und halten sich dabei an den ellenbogen, wie junge mädchen. der rahmen ist fix, nur unsere augen bewegen sich.

dann erwischt uns die müdigkeit, die irritation. der rahmen will sich bewegen, will selbst agieren, will fortschreiten, weiterweiterweiter.

bleib noch ein bisschen, die bahn ist sowieso noch nicht da.

es ist anstrengend, zu sehen. es ist schwierig – gibt genug gründe, wegzusehen. da ist auch hässlichkeit. ungestellt oder ungelöst verharrende fragen. einer stolpert und verletzt sich – es ist mal so. da ist schmerz, da ist lernen. viele gehen einfach vorbei, passieren unseren rahmen ohne uns zu bewegen. sind nur da – und wenn schon. deine bahn kommt sowieso gerade.


¡Vamos!

Etwa sieben Studenten sitzen in einer Reihe. Gegenüber von ihnen, auf einem höher liegenden Podest, sitzt ein älterer Professor an einem kleinen Tisch. Er trägt eine Hornbrille und studiert die vor ihm liegenden Aktenberge. Dann blickt er auf.

Professor: Fangen Sie gleich mal an (zeigt mit dem Finger auf einen der Studenten).

Student: [...]

Professor: Na los!

Student: Hm. Okay. Ich werde nach Spanien gehen, weil ich meiner Sehnsucht folge. Weil ich meinem Schicksal folge.

Professor: (starrt ihn skeptisch an) Dissertationsthema? Sie wissen, dass es schwierig wird – sogar unmöglich – im Ausland an Ihrer Dissertation zu arbeiten?! (eindringlich) Wie stellen Sie sich das bitteschön vor? Ich meine, wir unterstützen selbstverständlich die internationale Mobilität und Ihr Bestreben, Ihren Horizont zu erweitern, nur wie stellen Sie sich das bitteschön vor? Wie, sagen Sie schon?

Student: Hab sowieso noch kein Thema.

Professor: Wie meinen Sie das, Sie haben noch kein Thema? Sie
wollen im letzten Abschnitt Ihres Studiums nach Spanien, da müssen Sie sich doch um Ihre Dissertation kümmern!? Wie stellen Sie sich vor, fertig zu werden?! (Gesicht läuft rot an)

Student: Wissen Sie, meine Pläne in Spanien sind vielleicht nicht unbedingt das, was sonst üblich ist…Gitarre

Professor: Was soll das bedeuten?

Student: Ich möchte mich drüben eher als Flamenco-Gitarrist etablieren.

Professor: Wie bitte? Vergessen Sie nicht, dass Sie als Maschinenbau-Student auch eine Art Aushängeschild für unsere Universität sind! Jegliche Verträge mit den kooperierenden Universitäten werden nur verlängert, wenn Sie sich dort drüben benehmen können! Flamenco-Gitarrist? Wie kommen Sie denn auf so einen Unsinn?

Student: Mein Bruder, der Arzt, hat einen Flamenco-Gitarristen rehabilitiert. Er kam in die Notaufnahme, trunken, verprügelt, mit verkrüppelten Fingern. Wieso so trunken, wieso verprügelt – doch die entscheidende Frage: wieso mit verkrüppelten Fingern? Nach der richtigen Therapie waren die Finger wieder brauchbar.

Professor: Worauf wollen Sie hinaus?

Student: Er konnte wieder spielen! In den Bodegas, bei den Festivals, den Konzertabenden! Er hatte seinen Beruf wieder, gottverdammt! Es musste nur einer herkommen und ihm seine verkrüppelten Finger richten, statt zu sagen “Dieser Saufbold ist nicht mehr zu retten!” Ihm zu Ehren werde ich den Rufen meiner Seele folgen und Flamenco lernen.

Professor: Aber nicht mit unserem Stipendium, Sie Witzbold!

Student: Ach, ich lasse mir die Sache als Wahlfach anrechnen. Das geht.

Professor: (Panik strömt in seine Augen) Was, aber, nein?! Wie, um alles – oh Gott, aber Sie sind doch – ein – Aushängeschild – und – aber – oh.

Tatsächlich folgte der Student seiner Sehnsucht, scheiterte kläglich und endete in der Gosse Sevillas, da er kein Talent für Gitarre hatte. Geschweige denn Rhythmusgefühl.


gedicht über das jahr 2034

er geht – geht – geht – in die schule – plakatwerbung für neues phone! – like! – geht – geht – geht – biegt in die gasse – trifft einen von zweihundertvierzig friends – like! – like! – geht – geht – geht – kauft einen quadrupple chocolate cream milkshake® – like! – sein friend kauft nach kurzem zögern auch einen – like! – geht – geht – in der schule – sitzt – sitzt – sitzt – schule aus – like! – erwischt die bahn – like! – geht – geht – pünktlich nach hause – like! – mutter hat gutes essen gemacht – like! – geht – geht – geht – schreibt hausaufgaben – sitzt – sitzt – sitzt – hausaufgaben fertig – like! – geht – sitzt – schreibt seinem schwarm – sitzt – sitzt – schwarm schreibt zurück – like! – müde – sitzt am computer – like! – sitzt – sitzt – sitzt – geht ins bett – schlawinert – like! – schläft

sie geht – geht – geht – in die arbeit – steht – steht – spricht mit feschem kollegen – like! – geht – sitzt – sitzt – sitzt – arbeitet an powerpoint präsentation – computer funktioniert heute schneller – like! – sitzt – sitzt – meeting – steht – präsentiert – blabla – blabla – corporate efficiency – blabla – streamlined – glatte kurven – blabla – keine fragen – like! – applaus – like! – kolleg*Innen liken! – arbeit fertig – like! – auf dem weg nach hause – like! – kauft double caramel dream cream latte® – like! – geht – geht – geht – trifft eine von vierhundertachtundzwanzig friends – like! – geht mit friend einkaufen – like! – geht – geht – geht – lichterloh dreschen werbungen in ihr gehirn – dopaminausschüttung – like! – kaufen – kaufen – kaufen – like! – like! – like! – like! – like! – nach hause – like! – like! – LIKE! – LIKE – LIKE!


Sorge, Seele, Søren – Teil 4/4 – Der Tod des Diplomingenieurs Kostarek

Abschluß der Fortsetzungsgeschichte. Die zugrunde liegenden Teile: Teil 1, Teil 2, Teil 3


Der Kaffee (schwarz, ungesüßt) mit seinem Lieblingsstudenten hilft nicht viel. Als der Professor diesen ein wenig über das Konzept des Seelsorge-Gesprächs prüft – wie denn sowas normalerweise aufgebaut wäre und welch philosophisch-theologische Ursprünge dahinter steckten – da kann der an sich fleißige Student zum Verdruss seines Mentors nicht viel darüber sagen. Er beschäftige sich derzeit ja mit ganz anderen Dingen, die Spezialisierung also scheinbar in jedem Bereich eine Tatsache. Also gut, dann los.

Als sie im Krankenhaus ankommen, lassen sie mit dem Schluß der Eingangstüre den heiteren Herbstmorgen hinter sich und betreten die multimodale Sinneswelt des Klinikalltags. Eine subtile Wolke von Desinfektionsmittel schwebt schon im Eingangsbereich. Eine Wolke, die bei jeder Hände-Desinfektion eines Klinik-Mitarbeiters zu wachsen scheint – leider müsste sie also viel penetranter sein. Besonders feine Nasen können in jener Sterilliumwolke auch den leisen Geruch verschiedener Krankheiten und Zustände wahrnehmen („wir sind auch da“) – dieses Grippale, das Urämische, das Ketotische. Irgendwie ist das Licht befremdlich – nicht unbedingt viel dünkler als das Tageslicht, aber in einem grell-dumpfen, gelblichen Kolorit imponierend, dass in den meisten Menschen eine flüchtige Erinnerung an Übelkeit hervorruft – vielleicht nur durch Assoziation mit Krankenhauslicht.

Auch das Gesicht von Herrn Kostarek ist grell-dumpf, gelblich – ikterisch. Seine Augen sind eingefallen, er wirkt kaum noch menschlich, seine Haut wie Wachs, das man abstreifen könnte. Es steht sehr schlecht um ihn, jede Stunde scheint ihn näher zu bringen. Seine Angehörigen kümmern sich rührend, jeden Tag – er hat das Glück. Viele andere Patienten auf Station C17 haben das Glück nicht. Ihre Einsamkeit umfasst jeden weiteren Morgen wie einen Würgegriff um die Luftröhre – ein Betonblock auf der Brust, Heftklammern auf den Augenlidern (sie öffnen sich nur unter Anstrengung, unter Schmerz). Die Besuchszeiten sind völlig egal – da kommt niemand. Sie sind für manche sogar grausam, da sie stets mitansehen müssen, was sie nicht haben. Für jene Personen bekommt jede auch noch so kleine Interaktion mit Pflegepersonal, Therapeuten, Mitpatienten oder Ärzten ungemeine Bedeutung. Für Herrn Kostarek ist das alles Prozedur oder Professionalität mit vernachlässigbarem menschlichen Gehalt (so nett es auch ist). Für Andere ist es der fast einzige Umgang in so schweren Zeiten. Da kann auch ein falsch gesetztes Wimpernzucken oder ein „Mmh.“ zur Katastrophe werden und tausend Fragen aufwerfen, für die der Mut und die Zeit zu fehlen scheinen. Und zur gleichen Zeit sitzen tausende gesunde Menschen einsam in ihren Kämmerchen, wissen nichts mit ihrer Gesundheit anzufangen.

Die zwei Philosophen stehen nun bei der Rezeption. Sie lassen sich den Weg zu Station C17 beschreiben. Inzwischen ist es dem alten Professor egal, wie gut er bei diesem Seelsorgegespräch abschneiden wird. Zumindest versucht er, sich das einzureden. „Ist ja nicht meine Schuld, dass sie gerade mich fragen, das ist ja nicht mal wirklich meine Aufgabe, dafür wurde ich nie ausgebildet..“

Er begrüßt die Oberschwester, die mit einem Berg von Akten am Stützpunkt sitzt. Professor soundso, er sei angerufen worden, um ein Gespräch zu führen. Die Oberschwester reagiert wieder mit einigen Sekunden Verzögerung, dreht den Kopf langsam und starrt den Philosophen an (seine Irritation kennt in diesem Moment keine Grenzen) – dann ruft sie schrill „Schwester Susi!“ und sagt dann mit einem zuckersüß-künstlichen Lächeln „Sie kommt sofort.“ Und tatsächlich steht sogleich die Schwester da, die den Philosophen bestellt hatte.

Professor soundso, Grüße Sie, das ist der Kollege, ganz genau – der Nachwuchs. Nun also, wie und wo soll das Gespräch stattfinden (und warum und oh nein, es passiert wirklich, es gibt kein Zurück mehr. Was habe ich mir da eingebrockt, es ist überhaupt nicht egal – da liegt ein Sterbender und ICH, von allen Menschen, soll ihm igendwas über das Leben erzählen?! Soll um seine „Seele“ sorgen, gibt es denn sowas überhaupt? Und wenn ja, wie soll ich mich darum sorgen? Wie soll es eine philosophisch-agnostische Seelsorge geben, wenn wir gar nicht von einer Seele oder einem Leben nach dem Tod ausgehen? Dachte Descartes nicht, die Seele läge in der Zirbeldrüse? Vielleicht sollte ich seine Zirbeldrüse liebkosen oder massieren, wäre das agnostisch-seelsorgerisch genug?!)

Sie betreten den Raum. Herr Kostarek liegt in zuvor beschriebenem Zustand auf seinem Bett und starrt auf die Decke – eine gar nicht so unübliche Freizeibeschäftigung für stationäre Patienten. Grüß Gott, mein Name Professor soundso, das ist der junge Kollege, Grüße Sie Herr Diplomingenieur.

Dann schweigen Sie zusammen. Die Schwester steht noch eine Weile im Türrahmen, wäre sehr neugierig, würde gern bleiben. Bevor sie das Zimmer verlässt, setzt sie noch eine Aktion, nämlich stellt sie zwei Sessel an das Bett, damit die Philosophen sich setzen können. Es fällt dem Professor recht schwer, seine Irritation zu verbergen. Er hatte zu seinem Glück bisher nie besonders viel zu tun mit Krankheit und Tod – vom Theoretischen abgesehen. Höchstens als sein Großvater an einem Schlaganfall verstarb, doch das ist länger her und ihm kaum noch erinnerlich. Nun muss er sich auf seine Intuition verlassen, diese Situation ist alles andere als Routine. Er fängt mit der vielleicht einfachsten aller Fragen an. Der vielleicht schönsten aller Fragen, die so viel in sich trägt und tragen könnte, die einerseits Alles und andererseits Nichts bedeutet. Er atmet tief durch.

Gespräch (Pissaro)

„Wie geht es Ihnen?“

Herr Kostarek stellt direkten Augenkontakt her, der folglich nur selten abbricht. Er hat schöne blaue Augen, vielleicht das Letzte, woran man seine Person unmissverständlich festmachen kann. Der Student hat hinter dem Professor Platz genommen, man könnte sagen, er versteckt sich.

„Danke, dass Sie da sind.“, sagt Kostarek mit ungewöhnlich deutlicher Betonung.

Der Professor hebt seine dichten Brauen. Rührung schießt in Form kleinster Tränenbestandteile in seine Augen, seine Nase fängt zu jucken an. „Nun, ich will ehrlich sein. Für mich ist das etwas völlig Neues. Ich möchte nicht, dass Sie denken, es-“

Kostarek unterbricht: „Es ist in Ordnung. Für mich ist das Sterben auch etwas völlig Neues.“ Er lächelt schwach.

„Über was möchten Sie denn sprechen, Herr Kostarek?“

„Wie ist es so, als Philosoph? Hätte mich interessiert.“

„Ach, Sie sehen ja. Man ist ständig im Einsatz, jeder will was von mir.“ Nun lachen beide herzhaft. Es gibt keinen besseren Einstieg in ein Gespräch als die gelungene humoristische Übereinstimmung zweier Menschen.

„Und wie ist es als Ingenieur? Wie.. war es?“

„Ach.. ganz in Ordnung, will mich nicht beklagen. Hab schon etwas halbwegs Sinnvolles getan, denke ich. Ja, es war in Ordnung. Wie soll ich sagen – Brot auf dem Tisch gab es immer. Wollen Sie mir eine Frage beantworten?“

Der Professor, der in seiner Aufregung nicht auf die Idee gekommen war, seinen Trenchcoat auszuziehen und auf dessen Stirn sich kleine Schweißperlen abzeichnen, sagt rasch: „Sicherlich, aber natürlich. Dafür bin ich ja da, denke ich.“ Er wischt sich mit der Handfläche über die Stirn. (klare Indikation für Desinfektion)

„Angenommen, es gäbe tatsächlich so etwas wie eine höhere Macht, die urteilt und richtet – einen Gott, wenn Sie wollen.. könnte er oder sie mir dann wirklich böse sein für meine Unfähigkeit, zu glauben? Wäre nicht die selbe Macht für ebenjenen Zustand meines Nichtglaubens mitverantwortlich? Ich frage bewusst Sie und keinen Theologen oder Priester, denn die gehen ja meist recht sicher von einem Gott aus. Sie aber, Sie können das Ganze vielleicht logisch durchleuchten, philosophisch. Also?“

„Hm. Wenn Sie das so darlegen, müsste ich sagen: nein, es wäre wohl zu grausam. Ein Gott, der Sie schuf – ja also eben so schuf, dass Sie nicht glauben wollen oder können, der kann Sie nicht für eben das bestrafen, nicht wahr? Es wären natürlich auch alle anderen Facetten und Varianten von Göttern oder göttlichen Instanzen denkbar – vielleicht hat er ja mit Ihren Eigenschaften gar nichts zu tun und Sie sind selbst dafür verantwortlich. Vielleicht bestraft er nicht, sondern duldet und akzeptiert? Könnte ja auch sein, dass er Sie belohnt für einen kritischen Agnostizismus. Vielleicht kichert er immerzu über das absurde Theater, dessen Bühne er oder sie bereitete. Vielleicht hat sie mit all dem gar nichts zutun? Es wird viel darüber nachgedacht – Gottesbeweise und Negierungen, Auslegungen und Differenzierungen, denken Sie bloß an die Theodizee und all das.. es ist kompliziert..“

„Ja.. vielleicht. Man kann es sich halt immer so richten, wie man es gerade braucht. Ich selbst habe keine Angst davor, aber meine Frau, wissen Sie.. Ich wäre sogar interessiert an einem rhetorischen Duell mit einer solchen Instanz, sollte es jemals so weit kommen. So omnipotent Derartiges sein müsste, müsste es doch auch menschliche Logik nachvollziehen können. Ich würde mich ungefähr so rechtfertigen: Mit meinem logischen und technisch ausgerichteten Verstand, der einen Gott für mich ausschloss, habe ich schließlich in meinem Beruf viel Gutes getan, vielen Menschen geholfen, nicht wahr?“

Der Philosoph nickt ein wenig.

Kostarek setzt fort: „Und was halten Sie davon, so zu tun, als würde man glauben, bloß zur Sicherheit quasi?“

„Sie sprechen von der Pascalschen Wette. Nicht uninteressant, zumindest als Denkansatz. Aber mal im Ernst, denken Sie ein Gott würde sich von einem derartigen Lippenbekenntnis hinters Licht führen lassen? Vielleicht würde er Sie erst recht für diese Anmaßung bestrafen.”

Er schweigt. Sie beide schweigen eine Weile. Der Professor lässt seinen Blick schweifen über die Gerätschaften und Schläuche, die am Leib seines Gesprächspartners angebracht sind. Es fällt ihm schwer zu erkennen, was davon wo ein- oder austritt – er würde sich interessieren, möchte aber nicht fragen – obwohl Herr Kostarek freudig Auskunft geben würde. Als Techniker interessiert auch er sich dafür, kennt sich nach seinen Gesprächen mit den Ärzten und Pflege halbwegs aus.

Eine Weile plaudern sie noch. Als sich die Atmosphäre zunehmend lockert, bringt sich auch der Student hin und wieder ein, erzählt auf Nachfrage von seinen akademischen Plänen, über Chinesische Philosophie, über Buddhismus. Kostarek zeigt sich hochinteressiert. Er freut sich, bis zuletzt zu lernen, neue Ideen und Anregungen zu erhalten – sein Horizont zeigt sich auch kurz vor dem Finale noch erweiterbar, plastisch und lebendig.

Schließlich verabschieden sie sich.

Als die beiden das Krankenhaus verlassen, macht sich Erleichterung breit, im Alten mehr noch als im Jungen. Beide sind tief berührt und inspiriert von dieser Begegnung. Auch Herr Kostarek ist zufrieden, obwohl er dem Ganzen von allen Beteiligten wahrscheinlich am wenigsten Bedeutung zugesprochen hatte. Er verstirbt zwei Tage danach. Ohne Schmerzen, ohne Schuldgefühle – lediglich mit einem umfassenden Gefühl von „Das war es, und so war es nunmal.“